Im Gespräch: v.l.n.r Dalia Grinfeld, Dr. Alexander Bischkopf, Astrid Ehrenhauser, Neval Parlak, Dr. Thomas Schimmel. Foto: Stephan Hartmann / heilig.Berlin

„Ist ein Richter mit Kippa zumutbar?“ Das heilig.Berlin „Gespräch zur Zeit“ vom 12. November 2018.

„Ich habe Religion nie als etwas verstanden, was mir Regeln und Normen vorschreibt, sondern als etwas, was richtungsweisend in meinem Leben ist“.

Das sagte Neval Parlak beim „Gespräch zur Zeit zu dem heilig.Berlin am 12. November 2018 in das Auditorium des „Jakob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums“ eingeladen hatte. Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Frage: „Wie religiös soll Deutschland morgen sein?“

Neval Parlak, Sozialwissenschaftsstudentin und Muslima, führte weiter aus: „Wer bin, was mache ich, wer will ich sein? Da hat mir meine Religion die Antworten gegeben.“ Die Religion habe sie motiviert, sich mit ihren Werten in der Gesellschaft zu engagieren. So ist Neval Parlak Vorstandsmitglied in der Initiative „Juma – jung, muslimisch, aktiv“.

 

Dr. Alexander Bischkopf, Weltanschauungsreferent des „Humanistischen Verbands“, betonte seine nichtreligiöse Haltung.

„Für mich ist Religion eher wie ein Bild, das sich Menschen entwickeln, weil sie Dinge zu erklären versuchen, die sie nicht erklären können.“

Als Humanist vertrete er ein weltliches Menschenbild ohne göttlichen Anteil.

 

Bilder vom Gespräch zur Zeit

 

Dass ihre Religion ein Privileg sei, bekannte Dalia Grinfeld, Präsidentin der „Jüdischen Studierendenunion Deutschlands“. Ihre Familie habe im Holocaust und unter Pogromen im russischen Zarenreich gelitten. „Weil meinen Großeltern das verboten war, ist die Identität sehr stark: Wir sind jüdisch. Wir sind stolz darauf.“ An der jüdischen Religion gebe es ein großes Interesse. Doch viele würden sich auch nicht trauen nachzufragen, was ihre Religion bedeute. Trotz allem sei es in Deutschland alles andere als normal, jüdisch zu sein. Dalia Grinfeld sagt:

„In meinem gesamten Freundeskreis kenne ich niemanden, der mit der Kippa auf die Straße geht, ohne eine Mütze darüber zu tragen.“

 

Von Diskriminierung und Alltagsrassismus berichtete auch Neval Parlak. Ein Erlebnis zum Beginn ihres Studiums habe sie geprägt. In einer Vorlesung habe ihr Professor über Nietzsches Aussage „Gott ist tot“ gesprochen. Daraufhin habe er eingeworfen: „Wenn man einem Muslim sagt, ‚Allah ist tot‘, dann ist man schnell selbst tot.“ Damit habe der Professor alle Muslime pauschal mit Terroristen gleichgesetzt. „Das ist Rassismus“, stellte Neval Parlak klar. Sie habe den Hörsaal aber nicht aus Protest verlassen. „Ich habe gemerkt, dass Dialog der Schlüssel ist.“

 

Für Dr. Thomas Schimmel, für viele Jahre federführend im interreligiösen Dialog des Erzbistums Berlin, sei es bereichernd, wenn Synagogen, Kirchen, Moscheen und Tempel im Straßenbild sichtbar sind. „Man wird daran erinnert, dass es noch etwas Anderes gibt als die Kaufhäuser und die Einkaufsmalls“, so Thomas Schimmel. Doch wie weit sollen religiöse Symbole im staatlichen Bereich sichtbar sein?

„Ich finde nicht, dass in Schulen Kreuze hängen sollen“,

stellte er als Katholik klar. Und im Gerichtssaal? Auch dort solle ein Richter seine Religiosität unter der Robe verbergen.

 

Diese Forderung sei für religiöse Menschen aber „super schwierig“ zu erfüllen, warf Dalia Grinfeld ein. Ein Parteiabzeichen könnte man kurzerhand ablegen. Ein religiöses Symbol aber nicht. „Es ist nach dem Glauben eine Pflicht“, unterstrich die jüdische Politikwissenschaftlerin. Religiöse Menschen würden damit von bestimmten Ämtern ausgeschlossen. Alexander Bischkopf entgegnete aus humanistischer Sicht:

„In einer pluralen Gesellschaft wird es immer wichtiger, dass wir den Staat religionsfrei halten.

Es gibt auch eine negative Religionsfreiheit, da Sie auch das Recht haben, nicht mit Religion in Kontakt kommen zu müssen.“

 

Nach Ansicht von Neval Parlak würde in diesem Fall die Gesellschaft unzulässig über religiöse Menschen herrsche:

„Menschen mit Kopftuch können eben als Putzfrauen in der Schule arbeiten, aber sie können nicht unterrichten.

Da muss sich der Staat einfach ganz offen die Frage stellen: „Gehören sie dazu oder nicht. Auch in einer staatlichen Institution sollten Lehrerinnen mit Kopftuch willkommen sein“, forderte die junge Muslima.

 

Den Podiumsgästen und den zahlreichen Besuchern im Publikum gelang es trotz einer fairen und offenen Diskussion nicht, in dieser Frage einen Konsens zu finden. Heilig.berlin wird diese Frage weiter bearbeiten, Positionen wahrnehmen und zur Meinungsbildung beitragen.

 

Online oder im Podcasplayer anhören

Das „Gespräch zur Zeit“ bildet einen lebendigen Diskurs ab, der unsere Gesellschaft heute und morgen beschäftigt. Welchen gemeinsamen Rahmen die diversen Stimmen in diesem Punkt bilden, bleibt eine spannende Frage. Die Diskussion kann aus diesem Grund auf der Website heilig.berlin/gespraech/ oder als Folge 18 in der Podcastreihe „heilig.Berlin Podcast“ nachgehört werden.

 

Beteiligte

  • Dalia Grinfeld, JSUD – Jüdische Studierendenunion Deutschland
  • Neval Parlak, JUMA – jung, muslimisch, aktiv
  • Dr. Alexander Bischkopf, Humanistischer Verband Deutschlands (HVD)
  • Dr. Thomas M. Schimmel, 1219. Religionsdialog
  • Astrid Ehrenhauser (Moderation)
  • Dietmar Päschel, heilig.Berlin (Einführung)
  • Fotos: Stephan Hartmann

 

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