Buchbesprechung zu Heiner Geißlers „Kann man noch Christ sein, wenn man an Gott zweifeln muss?”

Ich gebe zu: Ich bin Fan von Heiner Geißler. Von seinem ethischen Scharfsinn und der Prägnanz seiner Positionierungen bin ich begeistert. Geißler ist für mich ein politischer Leuchtturm und das Gewissen der Christdemokratie. Ich mag ihn.
Geißler ist 87 Jahre alt. Das hinderte ihn aber nicht daran, 2017 ein neues Buch zu präsentieren. Es stellt mit dem Titel eine Frage: „Kann man noch Christ sein, wenn man an Gott zweifeln muss?“ Der Untertitel: „Fragen zum Lutherjahr“.
In der Tat nimmt Geißler immer wieder Bezug zum Reformationsjubiläum. Sein mahnendes Wort richtet er an alle, die Luther feiern oder selbstbezüglich Kirche spielen, ohne die brennenden Fragen der Welt in den Blick zu nehmen. Man spürt Geißler auf jeder Seite des Buches seine brennende Leidenschaft, sich nicht mit dem Ist-Zustand der Welt zufrieden zu geben, sondern auf dem Weg der Gerechtigkeit voranzugehen.
Buchcover von “Kann man noch Christ sein, wenn man an Gott zweifeln muss?” Autor: Heiner Geißler Bildrechte beim Ullstein Verlag.
Als ehemaliger Jesuit nimmt er die christliche Theologie in die Pflicht. Er spitzt die alte Theodizee-Frage zu und verlangt nach einer Antwort: Wie kann man von einem gnädigen, barmherzigen und allmächtigen Gott sprechen angesichts des unfassbaren Ausmaßes von Gewalt, Leid und Ungerechtigkeit in der Welt? Und damit die Dogmatiker (also Leute wie ich) nicht erst anfangen, eine Lehrbuch-Antwort zu repetieren, zählt Geißler gleich die Antworten auf, die es üblicherweise auf diese Frage gibt – um dann eine Antwort nach der anderen genüsslich zu widerlegen.

Geißler hat folgende Antworten auf die Theodizee-Frage zusammengetragen und ihnen wie folgt widersprochen:

1. Leiden ist Strafe für die Sünden

Für manche Mitglieder der Tea-Party seien „Tsunamis nicht die Folge von tektonischen Plattenverschiebungen, sondern … Folgen vom Feiern, Zechen und Tanzen in Kneipen und Bars bis hin zu Übertretungen irgendwelcher alberner Sabbatvorschriften.“ Doch was für ein Gottesbild komme damit zum Ausdruck? Es würde ja bedeuten, dass Gott selbst in die Gestalt des Ko-Piloten der German Wings Maschine getreten sei, um die Maschine in den Alpen zerschellen zu lassen. Und ich gebe Geißler recht: An so einen Gott glaube ich nicht.

2. Die Leiden sind von Gott geschickt

Zu dieser Sichtweise nimmt Geißler auch Luther in Mithaftung. Der Reformator habe bei der Pest in Wittenberg 1527 seinen Mitmenschen gepredigt, die Seuche als „Gottes Geschick“, als Strafe und Prüfung anzunehmen. Doch zu Recht weist Geißler auf Jesus und den Blinden hin. Als Jesus gefragt wurde, aufgrund wessen Sünde der Mann blind geboren sei, habe Jesus schlicht und ergreifend geantwortet: Niemand sei schuld. Stattdessen habe Jesus den Blinden geheilt, „zum großen Ärger der Pharisäer sogar am Sabbat.“ Unheil aufgrund von Sünden von irgendjemanden zurückzuführen, sei deshalb eine Art Gotteslästerung. Demgegenüber wird es Geißler „warm uns Herz, wenn man an Jesus denkt.“
Heiner Geißler
Foto: Privat

3. Gott nach dem Leid zu fragen (Rechtfertigung Gottes), ist eine Anmaßung des Menschen

Auch hier kommt Luther ins Spiel. Luther habe es als Blasphemie bezeichnet, Gott nach dem Grund von Leid zu fragen. Das passt Geißler gar nicht: „Luthers Gott solidarisiert sich nicht wie Jesus mit dem Leid der Menschen, sondern lässt sie darin allein.“ Das sei nur ein illegitimer Versuch, dass man „die Klappe halten“ und „keine dummen Fragen stellen“ solle. Dafür ist Geißler nicht der Typ. Und als Theologe füge ich hinzu: Es entspricht auch nicht dem jüdisch-christlichen Menschenbild. Demnach ist der Mensch Gottes Ebenbild, also sein permanenter Kommunikationspartner. Mit der Kommunikation kann es aber nicht weit her sein, wenn man nicht die Fragen aussprechen kann, die sich aufdrängen, wenn man das Leben und die Welt ernst nimmt.

4. Gott will geliebt werden, dies setzt aber den freien Willen des Menschen voraus, auch das Böse zu tun.

Ohne das Böse gibt es keinen freien Willen Das ist für Geißler die „raffinierteste Erfindung der Theologie“. Gott wolle geliebt werden. Aber was solle man von dieser erwünschten Liebe Gottes halten, wenn dafür Ungeheuerlichkeiten wie Auschwitz oder „Terrorakte mit schweren Lkws in Nizza und auf einem Berliner Weihnachtsmarkt“ (und in der Stockholmer Drottninggatan) in Kauf genommen würden? Wenn das so ist, würde Geißler gern seine „‚Eintrittskarte‘ in die Schöpfung zurückgeben“.

5. Nicht Gott verursacht das Leid, sondern Hitler, Pol Pot, Assad, Psychopathen und Sadisten

Geißler fragt zurück: „Woher kommt das, wer hat es ermöglicht, dass Menschen so veranlagt sind“? Wenn die Schuld bei Menschen angesiedelt werde, dann werde Gott entlastet. Aber Geißler nimmt Gott in Mithaftung. Denn schließlich habe niemand anderes als Gott es ermöglicht, dass es solche Menschen gibt, die zu Gewalt fähig sind. Für Geißler gilt das Verursacherprinzip – also so etwas wie die Störerhaftung bei öffentlichen WLAN-Hotspots.

6. Leid wird verursacht durch den Teufel, Hexen, Zauberei

Ein gefährliches Pflaster. Auch Luther habe „Hexen“ für schlechtes Wetter verantwortlich gemacht. (Dass es mehr evangelische als katholische Hexenprozesse gab, ist uns Protestanten nicht immer gegenwärtig.) Doch Menschen mit dem Bösen schlechthin zu assoziieren, könne eine gefährliche Gewaltorgie auslösen und schüre zudem gewaltige Ängste. Da halte es Geißler lieber mit Origenes. Der Kirchenvater sei deshalb nie heiliggesprochen worden, weil in seinem Glaubensbild für Teufel und Hölle kein Platz gewesen sei.

7. Gott handelt, wie er will

Wenn Gott alles so mache, wie er es eben haben wolle, dann sei das Willkür. Die Gerechtigkeit Gottes bliebe auf der Strecke.

8. Gott sei Lob und Preis

„…während auf der Welt ununterbrochen gefoltert und gemordet wird, [wird] Gott in den höchsten Tönen [von den Liedern der Christen] gepriesen. […] Egal ob Krieg, Folter, Krebs oder Erdbeben mit Tsunamis – die Christenheit betet, singt, lobt und preist und ‚dankt dem Herrn; denn er ist gut und seine Güte währet ewiglich‘ (Ps 118).“
Statue “Hiob” von Gerhard Marcks (1957) vor der St.-Klara-Kirche, Nürnberg. Foto: Andreas Praefcke (Public Domain). Quelle: commons.wikimedia.org

Nun, hier muss ich gegen Geißler einwenden: Die biblische Tradition kennt nicht nur das Gotteslob, sondern auch die Klage. Sogar die Anklage. Hiob hat Gott derart angeklagt, dass es seinen Freunden absolut unverfroren und gotteslästerlich wurde. Juden (und Christen) haben diese Anklage Gottes zu einem Teil ihrer Heiligen Schrift gemacht.

Und zu welchem Fazit gelangt Geißler?

Er stellt fest: Man kann an Gott zweifeln. Weil die Welt so ist, wie sie ist. Geißler zweifelt an Gott, weil er mit den leidenden Menschen empathisch ist.

Und Geißler selbst findet hier einen starken Verbündeten: Jesus von Nazareth. „Er hat der Nächstenliebe, das heißt der Solidarität unter den Menschen, denselben Rang gegeben wie die Gottesliebe.“ In diesem Punkt steckt für Geißler der Sinn des menschlichen Lebens: Dasein für den Nächsten, wenn er in Not ist. Selbst wenn es sich um den Feind handelt. Geißler bringt das in seiner wunderbaren, mit sanftem Sarkasmus unterlegten Ironie auf den Punkt: „Nächstenliebe ist eine Pflicht. Neoliberale und die selige Maggie Thatcher, die im letzten Fünftel ihres Lebens gefüttert werden musste, nannten sie Gefühlsduselei und Gutmenschentum. Aber erst Nächstenliebe und solidarisches Handeln geben dem menschlichen Leben einen Sinn.“ Wenn wir uns für ein besseres Leben einsetzten, sei es nicht so schlimm, wenn sich Zweifel einstellten, ob es wirklich ein „zweites Leben“ gebe. Geißler lädt ein, „all das zu tun, was Gott offensichtlich nicht tut, aber tun müsste, wenn es ihn gäbe“. Er denkt dabei an „Schmerzen lindern, Diktatoren bekämpfen, Folterer bestrafen“.

Und Geißler redet der Kirche und den Christinnen und Christen ins Gewissen. Vielleicht sollte etwas weniger Liturgie, Gottesdienst und Kirchenmusik im Zentrum stehen, sondern etwas mehr Gottesliebe, die sich in der Nächstenliebe zeigt. Geißler stützt sich dabei auf die Endzeitrede Jesu. Den Hunger bekämpfen, allen Menschen Trinkwasser verschaffen, Obdachlosen eine Wohnung geben, Flüchtlinge aufnehmen, den Frierenden Kleidung geben, Kranke pflegen und Gefangene betreuen – das sind die Forderungen Jesu an diejenigen, die zum Reich Gottes gehören wollen. (Tatsächlich kommt die Kirchenmusik hier nicht vor, auch wenn ich Orgel sehr mag.)
Aber Geißler will hier in den Ruf zur Buße von Jesus einstimmen und genauso fordern: Kehrt um, erneuert euch! Und mit dieser Haltung von Jesus sind für Geißler auch die Zweifel an Gott ausgeräumt: Jesus von Nazareth stellt „heute wie damals die herrschenden Werte und Maßstäbe auf den Kopf. Ihm und seiner Botschaft können wir glauben.“
Zurück zur Frage des Titels. „Kann man noch Christ sein, wenn man an Gott zweifeln muss?“
Die Antwort des Buches lautet unausgesprochen: Man kann. Indem man versucht, sich selbst so zu verhalten, wie man es von Gott erwarten würde. So wie es Jesus von Nazareth tat. Und zweifeln bleibt erlaubt!

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Heiner Geißler: „Kann man noch Christ sein, wenn man an Gott zweifeln muss?”
Ullstein Verlag.
80 Seiten
7,00 EUR

 

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Titelfoto: Foto: NeuPaddy / https://pixabay.com/en/man-board-drawing-muscles-strong-2037255/ CC0 Lizenz.

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